Das Internet der Dinge für Life Sciences: dem Kunden näher sein

Fitnessarmbänder sind aktuell wohl das beliebteste Beispiel für smarte IoT-Technologien, die die Gesundheit fördern sollen. Doch das Internet der Dinge kann noch einiges mehr, wenn es um Patienten- und Kundenpflege geht.

 

Was ist das Internet der Dinge?

Kurz gesagt handelt es sich beim IoT (Internet of Things) um die Vernetzung von Geräten untereinander, so dass diese Informationen sammeln und empfangen können, ohne dass der Mensch konkret Einfluss darauf nehmen muss. Stattdessen werden Daten im Hintergrund selbstständig ausgewertet und lösen bei bestimmten Parametern Aktionen, Hinweise, etc. aus.

So gibt es mittlerweile bereits Ideen für Herzschrittmacher, die Herzfrequenzen dokumentieren und Auffälligkeiten umgehend dem verantwortlichen Arzt oder aber dem Patienten als Push-Nachricht via Handy oder Computer schicken können, so dass präventive Maßnahmen eingeleitet werden können, noch bevor es zum Ernstfall kommt.

Auch Anwender sind der Meinung, dass ihre Gesundheit durch den Einsatz von Wearables verbessert werden kann. So gaben 56% bei einer Befragung des Recherche-Unternehmens PWC an, dass sie sogar davon ausgehen, dass die Lebenserwartung durch die Nutzung von Wearables zukünftig um 10 Jahre wachsen wird, indem wichtige gesundheitliche Daten gesammelt und analysiert werden können, um Krankheiten und ungesunden Lebensstilen vorzubeugen (Quelle: PWC, PDF).

 

Die Möglichkeiten der smarten Technologie im Bereich Gesundheit

Für die Life Sciences ergibt sich dadurch eine Myriade an Möglichkeiten, denn während viele Branchen ihre Kundeninformationen vornehmlich für Marketing-Zwecke und Produkt-Optimierungen nutzen, kann die Gesundheitsbranche dafür sorgen, dass Kunden bzw. Patienten nicht nur besser informiert werden, sondern auch gesünder werden oder bleiben. Zusätzlich können Interaktionen mit den Patienten individueller auf die Bedürfnisse abgestimmt und damit auch die Kundenbindung optimiert werden.

– Erhöhung der Adhärenz / Compliance in der Behandlung durch bessere Einbindung, aber auch Kontrolle der Patienten

– Eine ganzheitliche Übersicht über Patientendaten ermöglicht eine bessere Diagnose, als die punktuellen Daten eines Arztbesuches

– Menschliche Fehler bei der Eingabe von Daten können vermieden werden

– Daten sind schneller sowohl für Arzt/Anbieter als auch Patient/Kunde verfügbar und können so beispielsweise zur Prävention oder zur Früherkennung von Problemen genutzt werden

– Patienten/Kunden können sich selbst über Ihre Ergebnisse informieren und werden so geschulter in der Erkennung von Anomalien (das Vertrauen in den Hersteller oder Arzt wächst dadurch)

– Die Verwendung von medizinischen Geräten kann besser überprüft und anhand gezielter Kommunikation reguliert bzw. optimiert werden

Informationen sind die Währung des 21. Jahrhunderts. Gerade in Zeiten des Internets werden Anwender immer eigenständiger, wenn es um Symptome, Hintergründe und selbst Diagnosen geht. Bereits 2013 gaben 72% aller befragten Internet-Nutzer an, sich über Gesundheitsthemen im Netz zu informieren (Quelle: Pew Research Center).

Das heißt jedoch nicht, dass sie besser informiert sind, ganz im Gegenteil. In Foren werden vorwiegend anekdotische Berichte ausgetauscht und viele Online-Diagnosen sind zu ungenau.

Es besteht also ein großer Bedarf an Beratung und Informationen, die zuverlässig sind. Das Potenzial liegt also bei Life Science-Unternehmen, die genau da ansetzen und ein Kundenerlebnis bieten können, das zuverlässig informiert und bestenfalls in Zusammenarbeit mit Fachärzten einen Mehrwert bieten, den ein Internet-Forum zum Thema niemals bieten könnte.

 

Die ersten Praxisbeispiele

Die Industrie hat den Trend natürlich schon länger im Blick und so finden sich die ersten Beispiele auf dem Markt.

  • Blutzuckermessgeräte mit App-Anbindung
  • Bewegungs-Orthesen die den Fortschritt an den Patienten kommunizieren und bei geringer Nutzung Motivations-SMS veranlassen
  • Adhärenz / Compliance Erinnerungen wenn ein Patient seine Medikamente nicht nimmt
  • Merck MS Dialog System welches die Benutzung des Injektors misst bzw. die Dosierung auf Basis von Patientenparametern anpasst

Marktexperten sehen aber immer noch die Compliance-Anforderungen sowie die langen Entwicklungszyklen in der Branche als Bremsen einer schnelleren Umsetzung der Ideen.

 

Datenschutz: sind wir schon so weit?

So groß das Potenzial im Health-Bereich ist, so groß sind auch die Hürden, denn es gibt wohl kaum einen Bereich, bei dem Kunden derartig sensible Informationen geben und erhalten. Je mehr Geräte zwischen Anwender und Unternehmen geschaltet sind, desto mehr Schnittstellen gibt es, die potenzielle Schwachstellen für Hacker bieten könnten.

Und auch datenschutzrechtlich müssen Unternehmen darauf achten, dass die Kunden/Patienten immer wissen (und zustimmen), was mit ihren Daten passiert und wer Zugang zu ihnen hat. Da Patientendaten (auch im Sinne des Bundesdatenschutzgesetzes §3 Abs 9 sind Gesundheitsdaten besonders schützenswerte Daten) zu den sensiblen Datensätzen der personengebundenen Daten gehören, muss hier das Höchstmaß an Sorgfalt und Schutz gegeben sein. Und das nicht nur aus Angst vor rechtlichen Folgen, sondern auch, weil der zuverlässige und vertrauensvolle Umgang mit derartig intimen Daten eine Grundvoraussetzung für eine positive Kundenbeziehung ist.

Da es im Bereich der Digitalisierung und selbst im Rahmen der Industrie 4.0 immer noch keinen aktuellen europaweiten rechtlichen Standard gibt, der eindeutig vorgibt, wie Daten verarbeitet werden dürfen (die aktuellen Richtlinien sind aus den 90er Jahren), sollten Unternehmen präventiv dafür sorgen, dass nicht nur das Minimum erfüllt wird. Aus rein technischer Sicht ergeben sich hier zahlreiche Herausforderungen durch die sichere Aufbewahrung, Verarbeitung und Weitergabe der Daten.

Und auch (bzw. vor allem) die Sicherung der Wearables muss gewährleistet werden, so dass die Geräte nicht extern gehackt werden können.

Insbesondere der Krankenhausbereich ist hier in letzter Zeit negativ aufgefallen, da dort überlebenskritische Infusionsgeräte im ungeschützten Netzwerk hingen und so theoretisch aus dem Netzwerk heraus modifiziert oder abgeschaltet hätten werden können.

Zusätzlich stellt sich auch die Frage, ob gerade in Deutschland ein Internet der Dinge voll funktionsfähig wäre, solange das Thema des flächendeckenden Breitbandausbaus nur indirekt angegangen wird. Niemanden wird es stören, wenn die internetbasierten Funktionen einer Fitness-Uhr für ein paar Stunden ausfallen oder sich nicht ordentlich synchronisieren lassen, tut es jedoch ein Herzschrittmacher, ergeben sich daraus Risiken. So muss von vornerein garantiert werden, dass eine unterbrochene Internetverbindung keine schwerwiegenden Konsequenzen nach sich ziehen kann. Aktuelle Konzepte, wie beispielsweise das Cloudlet – eine Art Computer-Cluster, das zwischen Cloud-Rechenzentrum und Endgerät geschaltet werden soll – stecken noch in ihren Babyschuhen, weshalb die Frage der tatsächlichen Praktikabilität des Internets der Dinge im Alltag weiterhin wichtig bleibt.

 

Fazit: Die Balance halten

Aristoteles prägte das Gesundheitswesen mit seiner Philosophie der Balance – alles kann schädlich sein, wenn es im Übermaß eingesetzt wird. Das Internet der Dinge bietet so viele Vorteile für Patienten und die Pharma & Life Science Industrie, dass es sinnvoll ist, trotz aber unter Berücksichtung der Bedenken an einer Umsetzung zu arbeiten.. Doch es ist ebenso wenig angeraten, diese Bedenken völlig außer Acht zu lassen. Mit den richtigen Grundlagen zugunsten des Datenschutzes und der Anwenderfreundlichkeit können Unternehmen mit Wearables und Co die Life Science revolutionieren und das Kundenerlebnis maßgeblich positiv beeinflussen.

Nur so können die Pharmaunternehmen verhindern, irgendwann von Apple & Google überholt zu werden, die bereits heute – als Branchenfremde in Kooperation mit Big Pharma – an IoT Technologie arbeitet wie bspw. die blutzuckermessende Kontaktlinse die Google mit Novartis entwickelt.

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